Irgendwo im Sonnenland

Irgendwo im Sonnenland…

Die Welt trug noch einen leichten Nebelschleier,
aber man konnte schon das Licht der aufgehenden Sonne am weiten Horizont entdecken.
Motorenlärm auf den Straßen kündigte den Berufsverkehr an.
Auf dem Bahnhof in der unmittelbaren Nachbarschaft eilten Pendler von einem Gleis zum anderen,
ohne die Welt und das Geschehen um sie herum wirklich wahrzunehmen.
Wie könnten sie das auch? In der Hektik des Alltags –
Jeder kämpfte seinen persönlichen Kampf, um rechtzeitig an der Arbeitsstelle zu erscheinen.
Keine Zeit für Blicke nach rechts oder links und immer die Uhr im Nacken.

Laura seufzte tief bei diesen Bildern, nahm einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse,
während ihr Blick weiter hinunter auf die riesige Fläche der Stadt wanderte.
Hoch über den Dächern hatte sie die Möglichkeit,
den ganzen Tag am regenTreiben in der Stadt teilzunehmen
und am Abend, nachdem die Sonne schlafen gegangen war,
verzauberten die unzähligen Lichter ihre Sinne.

Tag für Tag, und Jahr um Jahr.

Manchmal sah sie sich noch stehen auf dieser wahnsinnig hohen Brücke.
Verschwommen schoben sich Bilder in ihr Bewusstsein. Schemenhaft erinnerte sie sich
an ihren verzweifelten Versuch ihn aufzuhalten von seinem eingeschlagenen Weg.
Die Bilder wurden deutlicher und sie blickte in Gedanken zurück.

Damals lebten sie am Stadtrand, behütet und frei von Sorgen und Unheil.
Er arbeitete in einer namhaften Bank, einem riesigen Konzern mitten in der Metropole.
Sie hatte in dem kleinen Reihenhaus eine Schreibwerkstatt und arbeitete für einen Verlag.
Der Wohlstand den sie hatten, ließ sie keinen Augenblick daran zweifeln,
daß dies alles auf den Fleiß und dem Engagement seinerseits zurückzuführen war.
Sie vertraute ihm blind und hinterfragte nichts,
denn es war schließlich seine Karriere, die ihr Leben so angenehm machte.
Bis zu dem Tag, an dem sie zufällig ein Telefongespräch mit anhörte,
nachdem sie früher als sonst vom Einkauf in der Stadt zurück gekommen war.

Es ging um Waffen und um hohe Summen Geld, sein Blick war angsterfüllt
und dicke Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
Sie stellte ihn zur Rede, wollte die ganze Wahrheit wissen
und fiel aus allen Wolken als sie dieselbe von ihm erfuhr.
Es ging um Geldwäsche, um Waffenschieberei –  um schmutzige Geschäfte also.
Wie konnte er nur in solche Kreise geraten?

Sie hatte die ganze Nacht auf ihn eingeredet, geweint und verzweifelt versucht einen Weg zu finden,
heraus aus diesem Dilemma, das ihre ganze heile Welt
von einer Sekunde auf die andere erschüttert hatte.
Es gab keinen Ausweg. Er flehte sie an, noch einen Geldkoffer am nächsten Abend an einem vereinbarten Platz abzuliefern. .…
er selbst müsse für ein paar Tage untertauchen.
In der Bank hatte er sein Fernbleiben mit Kundenterminen im Ausland begründet.
Nach einer schlaflosen Nacht verließ er früh am Morgen mit gepackten Koffern das Haus.
Sein „bis bald“ klang unglaubwürdig und sie konnte kaum atmen. Es war, als würde ihr etwas die Luft abschnüren.
Blankes Entsetzen spiegelte sich in ihren Augen und sein Versprechen,
daß sie nach diesem Deal irgendwo in einem sonnigen Land für den Rest ihres Lebens ausgesorgt hätten,
konnte sie kaum beruhigen.

Aber sie tat es – seinetwillen, weil sie ihn liebte,
ihm vertraute und weil sie ihr Leben in seine Hände gelegt hatte, naiv und leichtgläubig.
Der Tag verging wie im Zeitraffer. Immer wieder fiel ihr der schwarze Aktenkoffer ins Auge,
der im geräumigen Hausflur unter der Garderobe stand. Sie sehnte den Moment herbei,
an dem sie sich dieses abscheulichen Dinges entledigen konnte.
Sie wusste nicht welchen Wert der Inhalt hatte. Sie wollte ihn nur loswerden, so schnell wie möglich.
Als sie in der hereinbrechenden Nacht den Motor ihres schicken Wagens startete, waren ihre Nerven zum zerreißen angespannt.
Sie steuerte auf den Parkplatz an der großen Brücke zu, die zum anderen Teil der Großstadt führte.
Der Fluss, der darunter hindurch führte, schien heute sehr unruhig dahinzuplätschern.
Es kam ihr vor, als stießen die Wellenseltsame Warnrufe aus.
Für einen Augenblick hielt sie inne, diesen Koffer in den Händen auf der dicht befahrenen Brücke.
Sie war nun angekommen an der Stelle, an der sich diese kleine Bucht befand.
Sie wartete einen Moment und stellte den Koffer, geschützt vor Blicken,
wie besprochen hinter dem Markierungsstein ab.
Sie war sich sicher, daß ihr niemand gefolgt war, in der Dunkelheit der Nacht.
Unter ihr hörte sie das Motorengeräusch einer Fähre, die die letzte Tour
des Tages bewältigte. Nur einen Augenblick wollte sie hinuntersehen, doch dann….
Sie konnte sich nicht daran erinnern, sie hatte nur das Gefühl zu fallen.
sehr tief zu fallen  – und dann war es dunkel.

Das Zufallen der Zimmertüre riss sie aus ihren Gedanken.
Die Pflegerin der privaten Einrichtung war hereingekommen um sie zur morgendlichen Physiotherapie abzuholen.
„Es ist doch schön hier, hoch über der Stadt, man kann immer alles perfekt überblicken“
meinte sie , als sie den Rollstuhl vom Panoramafenster schob.
Lauras Blick blieb an dem frischen Blumenstrauß mit der Grußkarte
von den Bahamas hängen…. irgendwo im Sonnenland….
Heute war ihr Geburtstag und er hatte ihn in all den Jahren nicht vergessen….

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2 Kommentare zu “Irgendwo im Sonnenland

  1. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, das neue Jahr mit Wehmut zu beginnen, der Wehmut, die ich aus Deiner Geschichte heraushöre.
    Jedes Jahr ein einziges Mal Geburtstag und dann eine Blume …
    Nicht weiter darüber nachdenken!
    LG ins Neue Jahr, ins 2010

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